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Bericht zu „Scripture“

KCID-Fachtagung „The Concept of Scripture (Schrift) and the Concept Doctrine (Lehre, Dogma) in Judaism, Christianity and Islam”, 18. Bis 20. April 2018

 

I.  Fachtagung „Das Konzept von Schrift in Judentum, Christentum und Islam“

1. Das Konzept von Schrift im Judentum (Prof. Dr. Isaac Kalimi, Universität Mainz)

Anders als im Christentum sieht die jüdische Tradition die Hebräische Bibel als in sich vollständig an. Sie wird sogar als die „Quelle von allem“ (Arnold Ehrlich) oder als „Kreuzung alle nationaler Denkweise und Fühlens“ (Chaim Nachman Bialik) betrachtet. Die Bibel ist die unbestrittene gemeinsame Grundlage aller Juden und die Grundlage jeglichen jüdischen Denkens. Ihr korrekter Text wurde auf sehr vorsichtige Art und Weise enthalten bis hin zu einzelnen Buchstaben und Vokalzeichen. Dies ermöglichte jüdischen Gelehrten die genaue Mitte bestimmter Textpassagen oder der Thora an sich in Hinsicht auf Verse, Wörter und Einzelbuchstaben zu finden und ihr Bedeutung zuzuschreiben.

Die Interpretationen der Hebräischen Bibel („Schriftliche Thora“), die nach dem Jahr 70 n. Chr. Produziert wurden, werden in ihrer Gesamtheit als „Mündliche Thora“ ebenfalls als Teil der „Schrift“ gesehen. Obwohl der Babylonische Talmud darauf verweist, dass eine „Heilige Schrift“ (hier mündliche Thora inbegriffen) nie von ihrer Bedeutung abweicht“, gibt es seit jeher nicht-buchstabengetreue Interpretationen, welche ständig revidiert und weiterentwickelt werden. Dies sollte nicht als Widerspruch gedeutet werden, da ein biblischer Vers gleichzeitig seine eine offensichtliche und diverse versteckte Bedeutungen tragen kann – Numeri Rabbah spricht daher von den „siebzig Gesichtern der Thora“.

Beide, schriftliche und mündliche Thora, werden als untrennbar miteinander verbunden angesehen. Beiden wird eine göttliche Herkunft zugesprochen, obwohl nur eine von beiden niedergeschrieben wurde. Die eine könne ohne die andere Komponente nicht existieren. Beide wurden Moses auf dem Berg Sinai in ihrer Gesamtheit offenbart und das obwohl zahlreiche der komplexeren Interpretationen für Moses selbst überhaupt nicht verständlich gewesen sein können, da der persönliche und historische Kontext für die interpretierenden Rabbiner für deren Verständnis unabdingbar ist. Manche Rabbiner legen gar den Schwerpunkt auf das Studium der mündlichen Thora, welche in manchen Fällen für autoritativer erachtet wurde, beispielsweise in rechtlichen Fragen: Komplexe und weitreichende in der mündlichen Thora ausgearbeitete Gesetze basieren oftmals nur auf sehr dünnen biblisch-textlichen Grundlagen. Aus diesem Grund wird das Studium der geschriebenen Thora ohne die mündliche Thora manchmal als nicht wünschenswert betrachtet.

Die Septuaginta und Kommentare, beispielsweise von Philo von Alexandria, wurden in der Präsentation nicht erwähnt, da sich der Mainstream der jüdischen Tradition auf den hebräischen Text konzentrierte. Ähnlich wurden die philosophischen hermeneutischen Herangehensweisen, die, wie von Philo oder später Maimonides, nach außen an ein intellektuelles und durch griechische Philosophie beeinflusstes Publikum gerichtet waren, noch lange danach im jüdischen Mainstream nicht akzeptiert.

2. Das Konzept von Schrift im Christentum (Prof. Dr. Assaad Elias Kattan, Universität Münster)

Im Neuen Testament werden die Bücher der Juden als ἡ γραφή oder αἱ γραφαί („Schrift“ oder „Schriften“) bezeichnet. Obwohl zu dieser Zeit noch kein Konsens bezüglich des jüdischen Kanons herrschte, ist bezüglich dieser Bezeichnung, ob im Singular oder Plural, eindeutig, dass sie auf jüdische heilige Schriften bezogen ist. Im ersten Jahrhundert nach Christus wurden diese ebenfalls häufig explizit „heilige“ (ἁγια) Schrift genannt. Beide, γραφή und seine lateinische Übersetzung scriptura meinen etwas Geschriebenes. Dabei sollte jedoch berücksichtig werden, dass Schrift in diesem Sinne ein sekundäres Phänomen ist, dem immer eine mündliche Tradition vorausgeht.

Das Neue Testament selbst erlangte den Status der heiligen Schrift erst spät. Im Entscheidungsprozess, welches Buch als Teil des Kanons akzeptiert werden sollte, was ein Kriterium mit besonderem Gewicht, welcher Inhalt der Bücher als auf die Apostel zurückzuführen eingestuft wurde. Zudem ist es wahrscheinlich, dass alle der vier Evangelien eine dominante Rolle in den vier Zentren der frühen Christenheit (Rom, Antiochia, Ephesus und Alexandria) spielten, sodass diese Bücher schon von vornherein ein großes Gewicht hatten.

Der Kanon des Neuen Testaments stimmt bei allen Christen überein, während dies im Hinblick auf das Alte Testament nicht der Fall ist. Protestanten nutzen den hebräischen Kanon während der der Katholischen und Östlichen Kirchen auf der Septuaginta basiert. Dies führt noch nicht zu Schismen im Bereich der Dogmen, obwohl es durchaus Konsequenzen in der Liturgie nach sich zieht.

Die Heilige Schrift hatte stets eine kritische und korrigierende Funktion im Leben der Kirche, obwohl diese insbesondere erst von den Protestanten im Zuge der Reformation in Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt wurde. Die Schriften enthalten ein nicht reduzierbares Moment Zeitlosigkeit, welches diesen eine universale Wertigkeit verleiht. Darauf kann jedoch nicht ohne Interpretation zugegriffen werden. Ungeachtet der einzelnen exegetischen Methoden, steht, aus einem christlichen Blickwinkel, das Leben und Wirken von Christus im Zentrum der Schrift, welche den Hauptfixpunkt zur Orientierung für alle anderen Teile der Schrift und ihrer Interpretation bilden. Auch das Alte Testament wird von Christen aus einer christologischen Perspektive betrachtet, was zu erheblichen Unterschieden in der Interpretation der hebräischen Bibel zu der von jüdischen Gelehrten führt. Zum Beispiel ist jenseits der Spannung zwischen der Auslegung des Alten Testaments in den Briefen des heiligen Paulus, die Teil des Neuen Testaments sind, und den modernen exegetischen Ansätzen, beiden gemeinsam, dass der Blickwinkel, durch den beide betrachtet werden ein christologischer ist. Selbst wenn diese Perspektive nicht auf alle Einzelpassagen des Alten Testament hin angewandt werden kann, so kann durchaus festgestellt werden, dass das Gesamtprinzip für die Makroperspektive gilt, wenn auch nicht für jedes Detail. Ein ähnlicher Prozess ist beim Qur’ān zu verzeichnen, welcher ebenfalls ältere Schriften neu liest, mit einem neuen Fokus und einer neuen Perspektive.

3. Das Konzept von Schrift im Islam (Prof. Dr. Joseph E. B. Lumbard, Amerikanische Universität Sharjah, Vereinigte Arabische Emirate)

In der klassischen Tradition wird das Konzept der Heiligen Schrift nur in Bezug auf den Qur’ān diskutiert und nicht als ein generelles Phänomen. Die Hauptprobleme solcher Überlegungen sind die Natur des Qur’ān als offenbarte Heilige Schrift und in wieweit er andere Heilige Schriften korrigiert. Das Konzept von Heiliger Schrift ist eng mit dem Konzept der Offenbarung verbunden, da der göttliche Ursprung zentral für das muslimische Verständnis von Heiliger Schrift ist. Die Beziehung zu diesen offenbarten Büchern ist Teil dessen, was die Menschheit definiert, denn alle Heiligen Schriften sind Erinnerungen an den ursprünglichen Bund, den die gesamte Menschheit mit Gott einging. (Q 7:172). Der Qur’ān
Konzeptualisiert sich selbst als andere Heilige Schriften bestätigend und deren Funktionen beschützend (muhaymin ʿalā), das heißt in der Klarstellung ihrer korrekten Interpretation. Trotzdem ist es eine dem Menschen nicht mögliche Aufgabe zwischen Gemeinden zu richten, in wieweit diese ihrer ursprünglichen Heiligen Schrift folgen oder nicht.

Der im Qur’ān für „Buch” oder „Heilige Schrift“ am öftesten Verwendete Begriff, kitāb, bezeichnet nicht notwendigerweise den Qur’ān an sich, kann sich jedoch auf den göttlichen „Urtext“ beziehen, wovon jegliche Manifestation in der Zeit und einer bestimmten menschlichen Sprache nur eine mögliche Auslegung/Ausarbeitung darstellt (tafṣīl). Dies wirft auch die Frage auf, in welchem Sinne der Begriff kitāb verwendet wird, wenn im Bezug auf Juden und Christen von „ahl al-kitāb“ die Rede ist: Diese Bezeichnung könnte eine Gemeinde bezeichnen, die Zugriff auf eine Erscheinungsform des „Urtextes“ hat oder Besitzer irgendeiner bestimmten Heiligen Schrift sind. Solche Ausarbeitungen können sowohl in offenbarter Heiliger Schrift als auch in der Natur gefunden werden: Alles in einer Heiligen Schrift, alles, was den Propheten gegeben wurde und alles in der Natur sind Zeichen (āyāt) Gottes.

Obwohl diese Naturtheologie keine islamische Erfindung ist (ein älteres Beispiel wäre Ps 104) ist es im Qur’ān vorherrschender als in der Bibel und zentraler für das koranische Verständnis von Offenbarung. Dies kann als ein Punkt verstanden werden an dem der Qur’ān etwas bestätigt, was bereits in einer älteren Heiligen Schrift erwähnt wird, auch wenn der Grad der Betonung darauf den Bedürfnissen der Gemeinde zu dieser Zeit entspricht. Die älteren Heiligen Schriften, welche im Qur’ān Erwähnung finden, sind nicht notwendigerweise identisch mit jenen, welche wir als christliche und jüdische Corpora kennen. Die einzigen Heiligen Schriften, welche erwähnt werden, sind die Thora (tawrat), die Psalmen (zabūr) und die Evangelien (inǧīl), auch wenn bei Letzteren nicht klar ist, ob dies die vier kanonischen Evangelien von heute meint. Insofern, als der Qur’ān jüdische und christliche Heilige Schrift „neu liest“, so wie das Neue Testament die Hebräische Bibel „neu liest“, könnte der Qur’ān als „drittes Testament“ konzeptualisiert werden. Dies führt uns aber zu Frage über modernere religiöse Texte, so wie die Heiligen Schriften der Bahā’ī oder der Mormonen, was Antworten über Grundfragen erfordert, wie Heilige Schriften von neueren Religionen behandelt werden sollten. Dies müssten Christen und Muslime aber erst noch mehr im Detail diskutieren.

II. Das Konzept der Doktrin

1. Das Konzept der Doktrin im Judentum (Prof. Dr. Michah Gottlieb, New York University)

Zur Frage, ob es im Judentum etwas gibt, das als verbindliche Doktrin bezeichnet werden könnte, gibt es zahlreiche Debatten. Im Judentum gibt es keine autoritativen Konzile, welche verbindliche Artikel des Glaubens aufstellen. Die Zugehörigkeit zum Judentum ist in erster Linie durch Geburt bestimmt und nicht durch Einhaltung eines bestimmten Glaubens. Trotzdem gab es im 2. Jhd. eine Mischnah, welche jene Israeliten ausschloss, welche bestimmte Glaubensartikel nicht einhielten. Zu diesen Artikeln gehörten beispielsweise die Auferstehung oder den göttlichen Ursprung der Torah, aus der kommenden Welt. Viel später formulierte Moses Maimonides 13 Prinzipien, die eine Person anerkennen müsse, um als Jude betrachtet werden zu können. Diese hatten einen weitreichenden Einfluss und wurden sogar in einige jüdische Gebetsbücher aufgenommen. Die jüdische Liturgie als Ganzes umfasst viele Punkte gemeinsamer Glaubenspunkte mit dem prominentesten des Glaubens aller an einen Gott. (Selbstverständlich in einem weiteren Sinne von „Dogma“ als „Meinung einer Denkschule“, ist die Ansicht, dass es kein Dogma gebe, bereits ein Dogma. Im engeren Sinne, er durch Entwicklungen im Katholizismus des 19. Jahrhunderts dominant wurde, ist es das nicht.)
Die Debatte darüber, ob es im Judentum verbindliche Dogmen gebe, war speziell im 19. Jahrhundert in Deutschland lebendig. Diese fand im Zusammenhang mit den Debatten zu den Bürgerrechten für Juden statt. Samson Hirsch vertrat dabei die Ansicht, es handele sich beim Judentum um eine Religion und weniger um eine Nation und somit könnten Juden auch Deutsche mit vollen Bürgerrechten sein. Moses Mendelssohn behauptete, jüdisches Recht schreibe nur Handlungen vor und keine Glaubensartikel. Das Judentum als Religion hänge ausschließlich von rational ergründbarer Naturreligion ab (d.h. der Glauben an einen Schöpfer). Daher könne jede Form religiösen Zwangs abgelehnt werden, anders als im Christentum, welches großen Wert auf das lege, was Mendelssohn „offenbarte Religion“ nennt. Abraham Geiger argumentierte, während das Judentum von bestimmten Glaubensüberzeugungen definiert werde, unterlägen diese ständiger Entwicklungsprozesse. Daher ist es die historische Verbindung zum „Jüdischsein“, was einen Gedanken authentisch jüdisch mache, nicht sein Ort oder seine systematische Doktrin.
Die Abspaltungen der Orthodoxen von der jüdischen Mainstream-Gemeinde als Reaktion auf Reformen zeigen auch einen Aspekt dieser Debatte: Orthodoxe, welche sich auf religiöse Prinzipien zurückziehen, scheinen so etwas wie Doktrin als verbindlich für das Judentum anzuerkennen, während lokale jüdische Autoritäten, in der Erwartung, dass diese trotz Reformen Teil der Gemeinschaft bleiben, die Mitgliedschaft in der lokalen jüdischen Gemeinde als primäre religiöse Pflicht wahrnahmen. Dogmatische Unterschieden werden dabei sekundär. Zudem ist es Ansichtssache, ob die Unterschiede zwischen jüdischen Gruppen primär dogmatischer oder praktische Natur seien. Aus ideengeschichtlicher perspektive können deren Differenzen auf verschiedene Antworten auf folgende beiden Fragen zurückgeführt werden: „Ist die Torah vollständig offenbart oder teils menschlich?“ und „Ist das Gesetz als Ganzes zu akzeptieren oder nur insoweit, dass es seinen moralischen Sinn erfüllt?“

2. Das Konzept der Doktrin im Christentum (Prof. Dr. Roman Siebenrock, Universität Innsbruck)
Der Beginn für diese Reflexionen kann mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil datiert werden, dessen zentrale Frage wie folgt zusammengefasst werden können: Welche Doktrin ist für den Dialog mit anderen Weltanschauungen fördernd? Diese Offenheit ist an einige Bedingungen geknüpft, ohne welche kein respektvoller Dialog möglich ist: Eine prätheologische Bedingung ist die Anerkennung der Religionsfreiheit und der Menschenrechte im Allgemeinen. Eine zentrale theologische Bedingung ist die, dass das Wort Gottes mehr als nur die eigene Tradition umfasst. Aus pragmatischer Sicht ist es ebenso notwendig anzuerkennen, dass alle Menschen zum Menschheitsverständnis vom Wort Gottes beigetragen haben und beitragen können, was Christen dazu verpflichtet von anderen zu lernen, um sich einen Gesamteindruck verschaffen zu können . Während Glaubenslehre einen zentralen Aspekt insbesondere bei sich durch Konversion und nicht durch Geburt konstituierenden Religionen darstellt, ist sie nicht der wichtigste Punkt bei christlich-religiösen Sprechhandlungen, die beispielsweise auch Gebete, Liturgie, Erzählungen, … umfassen. Während das Konzept der Doktrin insofern vage bleibt, als dass es unklar ist, ob sie ein Instrument zur Organisation des Glaubens oder nur der Glaubensfundamente darstellt, kann die Grundform der Lehre als Bekenntnis zum Glauben angegeben werden . Im engeren Sinne besteht Glaubenslehre aus Aussagen von Theologen, hat allerdings auch stets einen pragmatischen Aspekt (??).
Doktrin in einem christlichen Kontext, kann als ein Versuch beschrieben werden, zu verstehen, was in der Offenbarung in Christus konkret gemeint ist. Seitdem dieser Prozess mit den Paulusbriefen begann, kann Doktrin, neben Erzählungen, als Teil des Beginns des Christentums als Religion angesehen werden. Zwei wichtige Formen der Doktrin in der Geschichte des Christentums sind Apologien („ad extra“), das heißt die Verteidigung des christlichen Glaubens gegenüber Nichtchristen, und die interne Kultivierung des Verständnisses des eigenen Glaubens („ad intra“). Beide Typen fanden Ausdruck in unterschiedlichen Textarten zur Zeit der Kirchenväter. In der westlichen Tradition nach den Kirchenvätern entwickelte sich christliches Denken in separaten gelehrten und monastischen Traditionen, wobei die erstere auf die Herausforderung durch den Aristotelismus mit seinem Anspruch auf ein rationales Denksystem reagiert. Ob und wie Glaube auf Vernunft aufbaut oder ihr zugänglich ist, wurde viel debattiert und die Antworten vielen äußerst vielseitig aus. Insbesondere nach der Reformation wurden vielfach Glaubenslehren eingeführt, ausgearbeitet oder hervorgehoben, um die Identität einer Konfession im Unterschied zu den anderen zu verdeutlichen. Dies hat gelegentlich zu „mimetischen Rivalitäten“ innerhalb des Christentums geführt, da Aspekte, die in einer Konfession vernachlässigt, in einer anderen hervorgehoben werden.

3. Das Konzept Doktrin im Islam (Prof. Dr. Waleed El-Ansary, Xavier University, Cincinnati)

Die für die islamische Glaubenslehre ist: Was sind die Konsequenzen des tawḥīd? Davon ausgehend wird die islamisch-dogmatische Theologie häufig auf fünf Komponenten heruntergebrochen: Gott, die Gesandten, deren Bücher, die Engel und der Tag des Jüngsten Gerichtes. Diese sind Konsens bei allen Muslimen, doch gibt es hinsichtlich der Doktrin Debatten bezüglich deren Interpretation. Überdies haben fundamentale koranische Begriffe häufig enorme Auswirkungen auf die Lehre. Nach dem Koran ist es sein Intellekt (ʿaql), der den Menschen zum Glauben an Gott verpflichtet. Folglich können Glaubenslehren (ʿaqāʾid) angenommen warden, da diese über den ʿaql mit der Realität verknüpft sind.
Der Begriff kalām, häufig als „Theologie“ übersetzt, umfasst ein viel engeres Feld als das, was im Westen unter „Theologie“ verstanden wird. Es bezieht sich auf Verteidigung und Ausarbeitung der Glaubensgrundsätze und könnte mit „Dogmatik“ ins Deutsche übertragen werden. Alle kalām-Schulen wollten den tawḥīd auf unterschiedlichen Wegen verteidigen. Anders als kalām versucht die islamische Philosophie nicht primär Glaubenslehren zu verteidigen, sondern diese von natürlicher Vernunft ausgehend zu entwickeln, ohne Referenz zu religiöser Autorität. Obwohl sie Konzepte aus der griechischen Philosophie übernahm ist es nicht lediglich griechische Philosophie auf Arabisch, sondern widmet sich primär islamischen Fragen. Auch der Mystizismus stellt einen integralen Bestandteil islamischer Theologie im weiteren Sinne dar. Dabei finden sich Ähnlichkeiten zwischen bestimmten Debatten im Islam und entsprechenden Debatten im Christentum, so wie die Diuskussion um die Erschaffenheit/Unerschaffenheit des Koran oder die Debatte zur dualen Natur Christi. Islamisches Denken hat sich seit dem Mittelalter stetig weiterentwickelt, auch dann, als der islamische Einfluss auf westliches Denken endete.

4. Abschlussdiskussion

Eng mit dem Konzept der Doktrin verknüpft ist die Frage, ob Überzeugungen immer einer rationalen Zustimmung/Überzeugung bedürfen. Die Antwort aus der jüdischen Tradition ist überwiegend ja, da Glaubensüberzeugungen nicht erzwungen werden können, sondern über die Ratio erlangt werden müssen. Die katholische Tradition erkennt ein rationales Element in religiösen Überzeugungen an, hält aber daran fest, dass es rational nicht ergründbare Mysterien gibt, was wiederum die Autorität der Kirche stärkt. Obwohl es keinen Glauben ohne Vernunft geben kann, kann Glaube nicht vollständig durch Vernunft erklärt werden. Das Verhältnis von ungezwungenen Überzeugungen, Rationalität, und erfordert eine genauere Untersuchung, da sich Glaube scheinbar nicht auf Vernunft reduzieren lässt. Obwohl viele Rabbiner in dem Punkt widersprechen würden, wenn es um den Glauben an Glaubenssätze geht, würden sie insofern anerkennen, dass Glaube (im Sinne von emūnāh, d.h. Vertrauen) eine emotionale Komponente hat. Die Katholische Kirche erkennt ein ähnliches Spannungsverhältnis zwischen Untrennbarkeit von Glauben und freier rationale Zustimmung und der Aufrechterhaltung der Autorität der Kirche an . John Newman beispielsweise betont das Gewissen als das höchste Kriterium, dem die kirchliche Autorität untergeordnet ist. Die islamische Tradition, insbesondere die Mystik, betont die Notwendigkeit direkter Erfahrung (21.01.2020ḏawq) vor bloßer Beschreibung oder Aussagen. Diese Erfahrungen werden, z.B. von al-Ghazālī, nicht als irrational angesehen, sondern als eine weitere Stufe jenseits der Rationalität. Direkte persönliche Erfahrungen spielen auch in jüdischen und christlichen Traditionen (was beispielsweise in einigen Psalmen zum Ausdruck kommt). Obwohl diese Erfahrungen eventuell nicht erklärbar sind, formen sie doch die Basis persönlichen Glaubens. Alle Religionen müssen eine gewisse Haltung zum Verhältnis von Glaube und Vernunft einnehmen, was wiederum Implikationen für das Verhältnis zwischen Glaubenslehre und Wahrheit mit sich bring. Mindestens für den Versuch einen Glauben Außenstehenden zu erklären werden rationale Erklärungen notwendig.
Ein Grund, wieso Dogmen im Katholizismus so zentral stehen ist, dass diese eine Basis für Einigkeit schaffen. Anders im Judentum, wo Einheit insbesondere durch Geburt hergestellt wird, ist der Katholizismus (das Christentum im Allgemeinen) allen offen und benötigt daher ein definiertes Kredo als Basis für Einheit unter den Gläubigen. Somit können fest definierte Lehren in gewisser Weise restriktiv aber aus pragmatischer Sicht notwendig sein. Die Fixierung einer Doktrin dient auch der Definition der eigenen Identität in Abgrenzung zu anderen, was wiederum eine Abwehr- oder Schutzmaßnahme darstellt. Diesen Mechanismus kann man beispielsweise in der Entwicklung des muslimischen kalām erkennen, welche aus Reaktion auf politischen Druck und Herausforderungen durch Christen entstand. Versuche diesem Phänomen entgegenzuwirken finden sich in unterschiedlichen ökumenischen Bewegungen. Im Islam wäre die Common Word Initiative ein Beispiel für eine solche Bewegung.
In der islamischen Tradition stammt die berühmteste Anerkennung der Beschränkung der Doktrin (ʿaqīda), die die Realität religiöser Erfahrungen niemals erschöpft, von al-Ghazālī. Der Anspruch des Islam auf die Finalität der Offenbarung ist insofern problematisch, da sie die Aneignung und Integration älterer Religionen in die islamische Weltanschauung impliziert, was wiederum eine Form der interpretativen Kontrolle über andere beinhaltet. Eine der zentralen Konzepte islamischer Glaubenlehre ist das des tawḥīd, sodass die Entwicklung islamischer Doktrin auf einfache Weise auf den unterschiedlichen Wegen zurückverfolgt werden kann, auf denen tawḥīd in den verschiedenen Richtungen islamischen Denkens artikuliert wurde.

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