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Bericht

Fachtagung „The Concept of Freedom and the Concept of Justice in Judaism, Christianity and Islam“, 10.-12. Mai 2017 in Erlangen

Nach der Fachtagung „Human Rights in Judaism, Christianity and Islam“ (15.-16. Dezember 2016) veranstaltete der Lehrstuhl für Orientalische Philologie und Islamwissenschaft, unter der Leitung von Prof. Dr. Georges Tamer, gemeinsam mit der Hanns-Seidel-Stiftung e.V., die Fachtagung „The Concept of Freedom and the Concept of Justice in Judaism, Christianity and Islam“. Für diese reisten namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Teilen der Welt an.

Ziel des Projekts „Key Concepts in Interreligious Dialogue“ (KCID) ist es, Konzepte der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam im Verhältnis zueinander begriffsgeschichtlich zu untersuchen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf einem wissenschaftlichen Niveau aufzudecken und diese dann mit Publikationen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Diese sollen ein Fundament für den interreligiösen Dialog bilden, welches es bisher in der Form nicht gibt. Eine auf Deutsch abgehaltene Podiumsdiskussion soll die erzielten Ergebnisse einem fachfremden Publikum zugänglich machen und der Bevölkerung ermöglichen, auch kritische Fragen an Fachleute zu stellen, um so zu verhindern, dass alles in einem „wissenschaftlichen Elfenbeinturm“ bleibt.

Grußworte von Prof. Dr. Georges Tamer und Dr. Günther Beckstein

Nach einem kurzen Grußwort von Prof. Tamer, der der Hanns-Seidel-Stiftung für ihre großzügige finanzielle Förderung des Projekts dankte, wurde die Veranstaltung vom ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Günther Beckstein mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für den interreligiösen Dialog eröffnet. Er war gemeinsam mit Gudrun Klein für die Hanns-Seidel-Stiftung e.V. angereist. Die Entwicklungen in der Welt und der Zuzug von Hunderttausenden muslimischen Flüchtlingen machten den interreligiösen Dialog besonders wichtig, weswegen er „Key Concepts in Interreligious Dialogue“ unterstütze. Eine Gesellschaft mit einer so großen religiösen Diversität benötige den interreligiösen Dialog als eine der Grundlagen für ein friedliches Miteinander und Verständnis.

Im Vorfeld wurden für die einzelnen Themenfelder fachkundige Moderatoren ausgewählt, welche die Referenten vorstellten und in die inhaltlich niveauvollen und kritischen Diskussionen leiteten: Dr. Stephan Kokew (FAU Erlangen-Nürnberg), Dr. Clare Amos (Weltkirchenrat), Prof. Dr. Bettina Koch (Virginia Polytechnic Institute and State University), Prof. Dr. Manfred Pirner (FAU Erlangen-Nürnberg), Dr. Katja Thörner (FAU Erlangen-Nürnberg) und Dr. Elias M. El Halabi (University of Balamand, Libanon)

Fachtagung – Das Konzept von Freiheit in Judentum, Christentum und Islam

i. Das Konzept von Freiheit im Judentum

Prof. Dr. Kenneth Seeskin (Philip M. and Ethel Klutznick Professor of Jewish Civilization Department of Philosophy Northwestern University, Evanston) betonte die bedeutende Rolle von Freiheit und Befreiung im Judentum unter Verweis auf die zehn Gebote. Nach jüdischer Lesart bildet die Selbstvorstellung Gottes das erste Gebot und betont in „Ich bin JHWH, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus“ die Rolle Gottes als Befreier des Volkes Israel aus der pharaonischen Knechtschaft. Ein weiterer sehr wichtiger Punkt sei die Freiheit im Verhältnis zwischen dem menschlichen Individuum und Gott. Hier zog Seeskin eine Parallele zu Christentum und Islam, da in den beiden Religionen der Gottesdienst ebenfalls keiner blinden Unterwerfung gleichkomme. Gott offenbare zwar Gesetze, doch habe der Mensch die Freiheit, nach diesen zu handeln oder nicht. Menschen werden so zu moralisch handelnden Akteuren, die selbst verantwortlich für ihre Taten sind. Überdies präsentierte Seeskin eine interessante Interpretation zum jüdischen Messianismus. Dieser beinhalte stets eine rationale Hoffnung, dass Menschen vermehrt zum moralischen Handeln angespornt würden, da niemand den genauen Zeitpunkt der Ankunft des Messias kenne.

ii. Das Konzept von Freiheit im Christentum

Prof. Dr. Nico Vorster (Faculty of Theology North-West University, Potchefstroom) betonte die Wichtigkeit der Erlösung in Hinsicht auf das Konzept von Freiheit im Christentum. Auch im Christentum werde der Mensch als von Sklaverei erlöst angesehen, jedoch mehr hinsichtlich der Sünde und des korrumpierten Willens. Jesus Christus als Sohn Gottes stehe mit seinem Kreuzestod hierbei im Mittelpunkt. Vorster präsentierte dann die Sichtweisen unterschiedlicher christlicher Konfessionen auf das Spannungsverhältnis zwischen Gottes Omnipotenz und Souveränität einerseits und der menschlichen Freiheit andererseits. Zu guter Letzt präsentierte Vorster Empfehlungen für den interreligiösen Dialog. Die drei monotheistischen Religionen hätten gemeinsam, dass Freiheit in Gott gefunden werden könne, dass Menschen das Vermögen hätten, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und für ihre Taten verantwortlich seien. Daher seien sie dafür verantwortlich, wie sie andere Menschen oder ihre Umwelt behandelten.

iii. Das Konzept von Freiheit im Islam

Prof. Dr. Maha El-Kaisy Friemuth (Lehrstuhl für Islamisch-Religiöse Studien mit Praktischem Schwerpunkt, FAU Erlangen-Nürnberg) stellte sich die Frage, in welchem Zusammenhang heilige Texte zu den Fragen der Freiheit im Islam stehen. In wieweit ist eine Person fähig zu handeln und wie wird sie durch die heiligen Texte dabei beeinflusst? Determinieren die Texte Ideen der Freiheit, beispielsweise soziale oder politische Freiheit? El-Kaisy Friemuths Vortrag hatte die Handlungsfreiheit im islamischen Kontext als Fokus unter starker Berücksichtigung der mu’tazilitischen Theologie. Für den Band soll hier auch islamische Befreiungstheologie, auch im Hinblick auf christliche Pendants, eine Rolle spielen.

Fachtagung – Das Konzept von Gerechtigkeit im Judentum, Christentum und Islam

i. Das Konzept von Gerechtigkeit im Judentum

Prof. Dr. Aryeh Botwinick (Department of Political Studies Temple University, Philadelphia), selbst orthodoxer Jude, zitierte eingangs Deuteronomium 16, 20 „Was recht ist, dem sollst du nachjagen“ (tzedeq tzedeq tirdof) als wichtige Stelle für Gerechtigkeit in der Hebräischen Bibel. Auf Hebräisch steht dort für „was recht ist“ tzedeq tzedeq. Tzedeq bedeutet „Gerechtigkeit“, gleichzeitig aber auch „Wahrheit“. Die Doppelung streiche die Wichtigkeit der Gerechtigkeit in diesem Vers besonders heraus. Für Botwinick ist die anti-perfektionistische Haltung jüdischer Ethik ein wichtiger Punkt, der in diesem Vers sofort zum Ausdruck käme. Im Wort „nachjagen“ werde in Dt 16,20 deutlich, dass die Menschheit nicht aufgefordert werde, Gerechtigkeit zu erreichen, vielmehr werde sie angehalten, sich aktiv um Gerechtigkeit zu bemühen, dieser Gerechtigkeit „nur“ nachzujagen. Ein weiterer Gerechtigkeitsdiskurs finde sich in der Erzählung vom Turm zu Babel im Buch Genesis. Hierin könne man den Versuch der Menschheit herauslesen, Gott aus der Transzendenz „zu sich nach unten“ zu holen, ihn sprichwörtlich und tatsächlich zu einem Teil von sich selbst zu machen. Ähnlichkeiten sah Botwinick in diesem Punkt speziell zur Erzählung von Adam und Eva und dem Baum der Erkenntnis. Beides seien Fälle, die mit einer (gerechten) Strafe durch Gott endeten. Man könne der Gerechtigkeit, die vor allem im ersten Beispiel gleichbedeutend sei mit Wahrheit, nur zustreben, sie aber nie erreichen. Botwinick führte den jüdischen Philosophen Moses Maimonides (ca.1138-1204) als Kronzeugen der Gegner des Determinismus an. Seiner Meinung nach sei der Mensch das einzige Lebewesen, das weiß, was gut und böse ist, und sich selbst entscheiden kann. Es sei nicht bereits bei der Geburt von Gott festgelegt, wer ein guter oder schlechter Mensch werde. Wer sündige sei selbst verantwortlich und werde dafür bestraft. Als Beweis führt Maimonides dabei eine „Negative Theologie“ an: Hätte Gott alles bereits festgelegt, wieso sollte er Propheten mit Gesetzen und Leitungen schicken, die die Menschen vor Sünden warnten und bei gutem Verhalten Lohn versprächen?

ii. Das Konzept von Gerechtigkeit im Christentum

Prof. Dr. Elisabeth Gräb-Schmidt (Evangelisch-Theologische Fakultät, Eberhard Karls Universität Tübingen) holte weit aus, führte zunächst in philosophische, religiöse und soziokulturelle Wurzeln von Gerechtigkeit ein, beleuchtete schließlich innerchristliche, interkonfessionelle und interreligiöse Entwicklungen des Konzepts der Gerechtigkeit und führte dann über zu zeitgenössischen Debatten in theologischen und ethischen Diskursen über. Gräb-Schmidt verwies auf das hebräische zedeqa für Gerechtigkeit, was die weibliche Form des von Aryeh Botwinick genannten zedeq ist. In diesem sei Gerechtigkeit stets mit göttlicher Gnade verbunden. In der biblischen Tradition sei das Konzept der Gerechtigkeit fundamental asymmetrisch, stets verbunden mit „God’s very being“, Gottes Selbstdefinition als Liebe, Befreiung und der Erhöhung der Armen. Im Mittelalter sei die christliche Lesart bezüglich Gerechtigkeit sehr gerichtlich geprägt gewesen. Insbesondere Luther und Augustin unterschieden sich hierbei. Ersterer war der Ansicht, Gerechtigkeit werde nicht durch Verdienst erworben, sondern ausschließlich durch Gnade, während Letzterer davon ausging, dass „wir in Gottes Gerechtigkeit getragen würden“. Die radikale Interpretation Luthers sei die Grundlage für alle protestantischen Gruppen. Die östlichen orthodoxen Kirchen trügen diese Ansichten nicht mit. Weder die stark forensische Ausrichtung der Gerechtigkeit, noch die Verknüpfung von Erlösung und Rechtfertigung, vielmehr sei bei ihnen Erlösung mit der Vergöttlichung Jesu Christi verbunden. Nach Gräb-Schmidt sei der Islam in seiner Fixierung auf das Gesetz im Konzept der Gerechtigkeit dem Judentum besonders stark verbunden. Moderne christliche Interpretationen würden das Gerechtigkeitskonzept der zedeqa von Paulus gemeinschafts- anstatt gesetzesbetont lesen. Insbesondere die Befreiungstheologie habe hier einen starken gesellschaftlichen Bezug: Christliche Gerechtigkeit müsse in einer gerechten Gesellschaft manifestiert werden. Freiheit sei nicht nur Grundsatz, sondern eine Voraussetzung für Individuen, die Einblick in ihr eigenes Schicksal erhielten: Radikale Individualität sei in den modernen Ideen der Gerechtigkeit vertreten, wie in den Menschenrechten dargestellt. Insbesondere die Religionsfreiheit sei die moderne Schnittstelle zwischen Freiheit und Gerechtigkeit. Gerechtigkeit müsse heute zwingendermaßen die Umwelt, Wirtschaft und die unterschiedlichen Generationen miteinschließen. Es ersetze egalitäre und vertragliche Konzepte, da es auf Barmherzigkeit und Liebe basiere. Gräb-Schmidt schloss mit einem Zitat von Thomas von Aquin: „Gerechtigkeit ohne Gnade ist Grausamkeit“.

iii. Das Konzept von Gerechtigkeit im Islam

Prof. Dr. Mairaj Syed (Department of Religious Studies University of California, Davis) stellte die Koranverse 5:8, 4:135 und 4:3 als Beispiele für „unparteiliche Gerechtigkeit“ und 16:90, 42:15 und 57:25 als „moralische Ordnung“ vor. Gott sei nicht ungerecht, wenn dann könne nur der Mensch ungerecht gegenüber Gott sein. Syed belegte dies mit 50:28, 60:17 oder 2:281. Ungerechtigkeit werde jedoch insbesondere von Menschen gegenüber Mitmenschen verübt, im Koran in 2:229, 22:40-41 oder 4:10-11 nachvollziehbar. Auf die Gesellschaft übertragen bedeute dies, dass diese nur dann gerecht sei, wenn diese Gottes moralische Ordnung einhält, diese nicht überschreitet, das Gute ge- und das Schlechte verbietet. Diese Aufforderung gelte unparteiischen Institutionen, Individuen, sowie der Gesellschaft als Ganzes. Heutzutage äußere sich das muslimische Streiten für Gerechtigkeit im postkolonialen neuen Aktivismus. Für ihn messe es sich daran, wie liberale Positionen mit traditionellen Scharia-Gesetzen, die aus heutiger Sicht diskriminierend wirken müssen, in Einklang gebracht werden können. Als Akteure kämen hierbei unterschiedliche Gruppen infrage: traditionelle Religionsgelehrte, der Staat, Aktivisten oder verschiedene Kooperationspartner. Dem interreligiösen Dialog komme ein enormer Stellenwert zu. Dabei solle man zunächst bezüglich konkreter moralischer Fragestellungen in den direkten Dialog treten, bevor man sich großen zivilisatorischen Werten zuwende.

 

Podiumsdiskussion

Insbesondere bei Dialogveranstaltungen zwischen Juden, Muslimen und Christen kommt schnell das Argument auf, die Wissenschaftler befänden sich in einem „Elfenbeinturm“, abgehoben von der Realität „auf dem Boden“. Die Podiumsdiskussion im Rahmen des Doppelworkshops sollte genau das Gegenteil bewriken. Daran nahmen Prof. Dr. Manfred Pirner (Evangelische Religionspädagogik, FAU Erlangen-Nürnberg), Prof. Dr. Frederek Musall (Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg), PD Dr. Abbas Poya (Departmet Islamisch-Religiöse Studien, FAU Erlangen-Nürnberg), Dr. Katja Thörner (Islamwissenschaft und Orientalische Philologie, FAU Erlangen) und Prof. Dr. Georges Tamer teil. Damit die „Religiösen“ nicht unter sich bleiben, begleitete Prof. Dr. Bettina Koch (Virginia Polytechnic Institute and State University) die Podiumsdiskussion aus einer religionskritischen Perspektive. Die Diskussionsthemen reichten von Bildungsgerechtigkeit, über Willensfreiheit, eigenständigem Räsonnement im Islam, Philosophie und Gerechtigkeit bis zu Konsequenzen der Entscheidungsfreiheit zu Gut oder Böse.

Dialog auf Augenhöhe, mit Respekt, aber ohne dabei kritische Fragen zu übergehen, das ist gelebte Realität der „Key Concepts in Interreligious Dialogue“. Besonders eindrucksvoll waren die Worte des aus Minnesota angereisten Rabbi Joseph Edelheit, dass noch vor 84 Jahren in durch die Nazis Bücher verbrannt worden seien und heute in Erlangen Juden, Muslime und Christen einen Dialog auf Augenhöhe führen könnten, insbesondere im Rahmen solcher Projekte.

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