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Bericht – „Faith“ und „Truth“

Das Konzept von Glaube (Faith) und das Konzept von Wahrheit (Truth) in Judentum, Christentum und Islam

 

1.      Fachtagung: „The Concept of Faith in Judaism, Christianity and Islam“

i. Prof. Dr. Susanne Talabardon, Otto-Friedrich-Universität Bamberg: Das Konzept des Glaubens im Judentum

Als Ausgangspunkt für eine Untersuchung des jüdischen Konzepts des Glaubens eignet sich Martin Bubers zweiteiliges Verständnis von Glaube: Jemandem vertrauen (hebräisch-jüdisches Konzept emunah) oder etwas erkennen (griechisch-christliches Konzept pistis). Diese Dichotomie ist zwar sehr vereinfachend, jedoch kann sie als Ausgangspunkt weiterer Analysen und Debatten dienen. Beispielsweise zeigt diese Differenzierung einen fundamentalen Unterschied zwischen Judentum und Christentum, insbesondere hinsichtlich der Funktion des Glaubens: Anders als Juden, gehören Christen primär aufgrund ihres Glaubens zu ihrer Religion.

Dieser Unterschied kann dadurch verdeutlicht werden, dass die Hebräische Bibel die bedeutendste Wortwurzel für „Glaube“, alef-mem-nunaman), nur 51-mal als Verb im engeren Sinne von „vertrauen“ oder „glauben“ und weitere 49 Male als Nomen, verwendet, verglichen mit 243 Beispielen des griechischen Verbs pisteuein im Neuen Testament. An den Stellen in der Hebräischen Bibel wird das Wort „Glaube“ häufig mit Konzepten wie „Vertrauen“, „Vertrauenswürdigkeit“, „Solidarität“ und sogar „Furcht“ (im Sinne von Gottesfurcht) verknüpft.

In frührabbinischen Texten findet sich kein systematisches Credo, kein Katechismus oder irgendeine systematische Dogmatik, welche Glauben vorschreibt. Obwohl es Lehrsätze gibt, welche als essenziell für das Judentum als Religion gelten, variieren diese in verschiedenen Quellen und geben kein kohärentes Bild nach außen. Erst im Mittelalter wird Glaube zu einer philosophischen Kategorie, welche einen Knotenpunkt zwischen den Konzepten von Glaube und Wahrheit darstellt, den es so an sich in der Bibel nicht gibt. Nichtsdestotrotz wird in Texten, wie dem Sefer ha-Kuzari von Jehuda ha-Levi, der jüdische Glaube an Gott als in einer historischen Gott-Volk-Beziehung und Kommunikation des Volkes Israel mit seinem Gott begründet beschrieben, mehr als eine abstrakte spekulative Wahrheit.

In der auf den Vortrag folgenden Diskussion wurde betont, dass in der jüdischen Tradition ein individueller theoretischer Glaube als irrelevant für die Entwicklung der Gemeinde erachtet wird. Die Thora bildet das Zentrum und die einzige Konstante der Tradition. Es gibt keine definitiven Antworten zu Fragen bezüglich deren Interpretation. Mehr noch, es ist eine unendliche Diskussion der Frage, wie das Gesetz der Thora im jeweiligen Kontext angewandt werden solle, was die Tradition letztendlich am Leben hält (mündliche Thora). Sogar der Glaube des Stammvaters Abraham, welcher höchst individuell wirkt und diesen dazu animierte, seine Heimatgemeinde zu verlassen, hat seine Relevanz mehr in dem Punkt der Begründung einer neuen Gemeinschaft und Tradition, als in einem Modell individuellen Glaubens.

ii. Prof. em. Dr. Walter Sparn, FAU Erlangen-Nürnberg: Das Konzept des Glaubens im Christentum

In der christlichen Theologie herrscht ein breiter Konsens, das christliche Glaubenskonzept auf den Glauben Abrahams und dessen Vertrauen in Gott, formuliert in den Psalmen, zurückzuführen. De facto basiert dieses Konzept von Glauben auf jüdischen Quellen und kann als eine gemeinsame Basis für eine Diskussion zwischen monotheistischen Religionen angesehen werden. Nichtsdestotrotz ist das Konzept des Glaubens innerhalb des Christentums vielseitig und erlaubt dadurch verschiedene Interpretationen. Das Wort „Glaube“ war stets ein polyvalenter Begriff und unterlag, wie jegliche christlich-religiöse Sprache, Übersetzungen und Bedeutungswandlungen, da die heilige Botschaft immer für Menschen in unterschiedlichen zeitgebundenen Umständen und Kontexten interpretierbar und verständlich gemacht werden musste. Folglich ist das Konzept des Glaubens eng mit dem jeweiligen religiösen Leben des Gläubigen verwoben und lässt keine generelle metaphysische Definition zu. Vielmehr prägt die Phänomenologie des Glaubens die Religion mit der Anthropologie und durch die Annahme von drei generellen Glaubensaspekten: intellektuell, moralisch und emotional. Unterschiedliche Strömungen und Konfessionen innerhalb des Christentums divergieren bezüglich ihres Glaubensverständnisses und des Verhältnisses dieser einzelnen Glaubensaspekte zueinander, sowie deren Gewichtung.

Die Wichtigkeit des Glaubens als Grundvoraussetzung für Erlösung wird speziell in der protestantischen Tradition hervorgehoben. Dies findet Ausdruck in der berühmten Redewendung sola fide, „durch Glauben allein“, welche eine saubere Unterscheidung zwischen Glaube und Taten oder zwischen göttlichem und menschlichem Handeln vornimmt. Dies führt zu einer doppelten Abhängigkeit von Gottes Gnade einerseits und dem Vertrauen in den individuellen Glauben andererseits. Der Protestantismus legt einen starken Schwerpunkt auf Befreiung und Pluralisierung von Glaubensaspekten, das heißt auf ein Glaubenskonzept losgelöst von formalen Gesetzen.

Das Glaubensbekenntnis von Nicäa, welches in der Diskussion als die meistverbreitete grundsätzliche Formulierung christlichen Glaubens genannt wurde, wurde in der Präsentation selbst nicht erwähnt, da der individuelle Glaube stärker in individuellen Formen des Gebets, so zum Beispiel in dem Sündenbekenntnis, zum Ausdruck kommt. In der protestantischen Tradition legt die Liturgie weniger Wert auf den Ausdruck des Glaubens als es in anderen christlichen Traditionen üblich ist.

iii. Prof Ovamir Anjum, Ph.D., University of Toledo, USA: Das Konzept des Glaubens im Islam

Der Koran differenziert sehr deutlich zwischen innerem Glauben und äußerem Handeln, was zahlreiche Verse belegen. Die Diskussion über das Verhältnis zwischen Glauben und Taten wurde durch ebenjene Verse entfacht und markierte den Beginn der Ausarbeitung und Klärung des Konzepts des Glaubens im Islam. Abu Hanifa beispielsweise definierte Glauben (īmān) als innerliche Bestätigung (taṣdīq) des Monotheismus und des Prophetentums Muhammads, was durch gute Taten ergänzt werden kann aber in sich selbst existiert oder nicht. Das heißt, es kann keine Quantität oder Stärke im Glauben unterschieden werden. Glaube ist da oder er ist nicht da.

Im Gegensatz dazu steht die Haltung der sunnitischen Traditionalisten (ahl as-sunna), wonach Glaube stärker und schwächer werden kann und Menschen verschiedene große Glaubens-„Stufen” hätten. Anders als Abu Hanifa verstanden die Traditionalisten Glauben als Taten inklusive, welcher je nach guten oder schlechten Taten in seiner Wertigkeit schwankt, was im Koran erwähnt werde. Nichtsdestotrotz hieße dies auch, dass niemand in der Lage sei, den „perfekten Glauben” zu erreichen, da es eine unbestimmte Menge an unterschiedlichen möglichen Taten gebe. Eben dieser Punkt bot für Abu Hanifa wiederum den Anlass, Glauben als eine feste Größe zu definieren, die eher eine Vorraussetzung für religiöse Praktiken bilde als diese zu beinhalten, vergleichbar mit alltäglichem Wissen, das nicht wieder verloren werden kann, sobald man es sich einmal erworben hat. Dies führt zu einer sehr inklusivistischen Definierung der Gemeinschaft der Gläubigen (jeder, der an Gott und die Propheten glaubt), eventuell als Gegenposition zum exzessiven Gebrauch des takfīr (Exkommunikation) durch Gruppen, wie die Kharidschiten.

Aus dieser soeben formulierten Position Abu Hanifas lässt sich wiederum schlussfolgern, dass jeder, der sich selbst als Muslim versteht, in einem fundamentalen Sinne allen anderen Muslimen gleichrangig ist. Dies wirft natürlich die Frage auf, inwieweit diese Grundhaltung damit in Einklang gebracht werden kann, dass es faktisch unterschiedliche „Level” an Engagement für den Glauben gibt. Abu Hanifa illustriert dies in einer Beschreibung analog zur Fähigkeit zu Schwimmen: Zwei Schwimmer können unterschiedliche Fähigkeiten und Stufen an Geschick und Selbstvertrauen aufweisen, jedoch sind sie gleich in der bloßen Fähigkeit, Schwimmen zu können. Dasselbe gelte für den Glauben eines Menschen, so Abu Hanifa, was für die Traditionalisten wiederum bedeutete, dass diese zwischen islām (formale und fundamentale Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Gläubigen) und īmān (Engagement, das nicht nur den Glauben, sondern ebenso Motivation und Taten umfasst). Zu einem späteren Zeitpunkt dieser Debatte wurden weitere Details und Verfeinerungen hinzugefügt, wie zum Beispiel der Umfang von Motivation, die Idee von „Glaubenszweigen” oder Glaubensaspekten. Die Spannung in dieser Debatte liegt in besonders hohen Ansprüchen, das heißt, nur eine kleine Gruppe an Menschen als Gläubige im wahren Sinne des Wortes zu akzeptieren und somit einen Elitarismus zu verstärken, welcher die Definition von Glauben wiederum so umfangreich macht, dass er eine geringe Bedeutung bekommt.

Die Diskussion setzte ihren Fokus auf das Verhältnis zwischen Glaube und Wissen, was im Vortrag nur kurz erwähnt wurde. Der Koran betont, dass wahres Wissen stets mit dem Glauben einhergeht und es andernfalls kein tatsächliches Wissen ist: jedes „gültige” menschliche Räsonnement führe, laut Koran, zwangsläufig zu Glauben.

iv. Abschlussdiskussion

Der gravierende Unterschied zwischen dem Judentum und den zwei anderen monotheistischen Religionen ist, dass das Judentum keine universalistische und individualistische Religion ist: Es gibt eine Interaktion zwischen Gott und dem Volk Israel als Ganzes, weniger ein individuelles Verhältnis zu Gott. Obwohl in der katholischen Tradition auch die Kirche als Ganzes wichtiger ist als ein Individuum, geht es trotzdem um die Erlösung des Einzelmenschen, während es in der jüdischen Tradition um das jüdische Kollektiv geht, welches errettet wird oder nicht. Da im Judentum der Universalismus fehlt, ist es unwahrscheinlich, dass das Judentum mit anderen Glaubensgruppen in einer pluralistischen Gesellschaft zusammenstößt, da es keinen missionarischen Auftrag kennt, es jedoch anerkennt, dass andere Völker anderen Religionen angehören.

Glaube ist im Judentum inhärent dialogisch und wird als eine Antwort auf eine kollektive Gotteserfahrung charakterisiert. Die biblischen Figuren des Abraham und Jakob sind Paradigmen für zwei sehr verschiedene Glaubenstypen: der eine ist alles-verzehrend und nicht verhandelbar und der andere ist hingegen rationalisiert und pragmatisch. Jeder dieser Typen hat Stärken und Schwächen. Da es kein einheitliches Konzept, jedoch eine ganze Varietät an verschiedenen Glaubenskonzeptionen in der jüdischen Tradition gibt, ist es nicht möglich, „das“ jüdische Glaubenskonzept dingfest zu machen.

Von einer christlichen Perspektive aus betrachtet, sind die Redewendungen „Glaube haben“ oder „Glaube besitzen“ irreführend, da Glaube keine zeitlose Einheit ist, sondern bedeutet, „in einer Beziehung zu etwas“ zu leben. Überdies ist das Konzept „der Glaube“ ebenso irreführend, da vielmehr ein historisches Verständnis nötig ist, bei dem sein veränderlicher Charakter berücksichtigt wird. Das dynamische Phänomen Glaube ist wichtiger als jegliches absolute Wissen. Während beispielsweise im Koran fundiertes menschliches Räsonnement eigentlich zwangsläufig zum Glauben führen soll, geschieht dies in der Realität nicht, da der Mensch fehlerhaft ist, sodass eine perfekte philosophische Konzeption von Glauben in dieser Welt nicht möglich ist, sondern göttliche Gnade Voraussetzung für eine Transformation von Philosophie zu Glauben ist.

 

 

2.      Fachtagung: Das Konzept von Wahrheit in Judentum, Christentum und Islam

i. Sen.-Prof. Dr. Stefan Schreiner, Eberhard Karls Universität Tübingen: Das Konzept von Wahrheit im Judentum

In der Hebräischen Bibel wird das Wort für Wahrheit, emeth, in sehr unterschiedlichen Kontexten vielfach erwähnt. So taucht es im Zusammenhang mit Glaube, Integrität, Gnade und Loyalität. Die Übersetzung in der Septuaginta spiegelt diese Vielfalt wieder, inklusive nicht nur die sofort offensichtliche Übersetzung alētheia (“Wahrheit”), sondern auch Beispielsweise dikaiosynē (“Gerechtigkeit”). Der griechische Terminus alētheia trägt die Konnotation von „aufgedeckt sein“ oder „offenbart sein“ in sich, während sich das hebräische emeth davon stark unterscheidet und „Standhaftigkeit“ oder „Zuverlässigkeit“ impliziert. Steven Schwarzschild schlussfolgert daraus, dass emeth primär ein ethischer Begriff von „Wahrhaftigkeit“ ist und weniger ein theoretischer Sachverhalt. Die griechisch-philosophische Vorstellung von Wahrheit als Entsprechung zu „Wirklichkeit“ wurde erst später in die hebräische und arabische Tradition übernommen.

Wahrheit wird in Exodus 34 als das siebte von dreizehn Attributen Gottes genannt. Diese Nennung von Wahrheit in mittlerer Position der Attribute verleiht dem Begriff einen besonderen Status. In der rabbinischen Literatur wird „Wahrheit“ manchmal sogar als Ersatz für den Namen Gottes verwendet, analog zur muslimischen Tradition, in der al-ḥaqq („Wahrheit”) einer der 99 Namen Gottes ist. Die rabbinische Literatur behandelt emeth ebenso hin und wieder als Akronym, allerdings mit verschiedenen Interpretationen dessen, wofür die einzelnen Buchstaben wiederum stehen, inklusive der Vorstellung das alef-mem-tav Anfang, Mitte und Ende des Alphabets repräsentieren.

Die Redewendung „die Wahrheit tun“ (engl. doing the truth) beschreibt nicht in erster Linie das Handeln im Sinne der Wahrheit oder mit Authentizität, aber, da die Thora als die Wahrheit selbst angesehen wird, wird die Erfüllung ihrer Gebote als „Ausführen“ der Wahrheit verstanden. Religiöse Wahrheit beschreibt keine Fakten, die durch logische Argumentation bewiesen werden könnten, sondern zeigt ihren Wert darin, menschlichem Leben einen Sinn zu geben. Das heißt, interreligiöser Dialog kann nicht nur eine Diskussion über Dogmen darstellen, sondern kann vielmehr nur eine praktische Konsequenz aus den verschiedenen Glaubensbekenntnissen sein.

ii. Prof. Dr. Dr. Thomas Schärtl-Trendel, Universität Regensburg: Das Konzept von Wahrheit im Christentum

Wahrheit scheint in erster Linie eine Eigenschaft von Urteil oder Aussage zu sein, was im Widerspruch zu der durch die monotheistischen Religionen geteilten Idee steht, dass Gott (oder nach christlicher Doktrin Jesus Christus) die ultimative Wahrheit darstellt. Dies bedeutet, dass damit das Konzept von Wahrheit im Christentum Sinn hat, es notwendig ist, dass der Begriff der Wahrheit so verfeinert wird, dass er auf eine Person (Gott/Jesus Christus als personales Wesen) angewandt werden kann.

Bisher scheint Wahrheit in der christlichen Tradition meist als Entsprechung (mit der Realität) verstanden worden zu sein, obwohl sich z.B. St. Anselms Interpretation von Wahrheit auf einen normativen Aspekt zu konzentrieren scheint, in dem Wahrheit nicht nur die Korrektheit von Aussagen bedeutet, sondern auch die Richtigkeit des Denkens und des Handelns. Zusätzlich suggeriert die Art und Weise, wie christliche Theologie historisch praktiziert wurde, eine innere Kohärenz und einen Konsens als „funktionierendes Kriterium der Wahrheit“. Philosophisch gesehen drückt die Theorie der Entsprechung (mit der Realität) unser allgemein akzeptiertes intuitives Verständnis von der Frage, was wahr sei, gut aus. Trotzdem beantwortet diese Fragen, wie zum Beispiel, was die Eigenschaft von Wahrheit sein kann oder wie das Verhältnis von Entsprechung zu Fakten und Realität beurteilt werden könnte. Die praktische Entsprechungstheorie führt zum Problem der Zirkularität, da die Wahrheit einer Aussage, definiert als ihre Entsprechung, mit einem Netz an wahren Aussagen verknüpft ist, wobei sich alle einander als Wahrheitskriterium bedingen. Dieser Umstand wiederum führt zu der Frage, ob eine externe Realität als Referenzrahmen für wahre Aussagen existiert, die empirisch authentifiziert werden könnte. Diese Debatte bezüglich Realismus ist im Gegenzug mit der Frage verknüpft, wie der konzeptuelle Rahmen selbst authentifiziert werden kann, welcher für eine Begründung der rationalen Debatte, welche Aussagen wahr seien, herangezogen wird.

Damit die Aussage stimmt, dass Gott die ultimative Wahrheit ist, kann ein Schöpfergott als der ultimative Schöpfer von Wahrheit begriffen werden. Dies scheint auf ein tieferes Identifizieren hinzuweisen, vielleicht die Identifizierung Gottes mit der reinen Wahrheit, in der alles (Aussagen, Denken,…) beinhaltet sein muss, um wahr sein zu können. Weiter kann in dieser Identifikation eine ethische Dimension ausgemacht werden, denn, wenn Gott die ultimative Wahrheit ist, dann, so St. Augustin, ist die Wahrheit das Ziel, auf das das Leben der Menschen hin orientiert sein soll. Diese Ansicht kann als Kriterium für die Wahrheit religiösen Glaubens herangezogen werden, welcher dadurch beurteilt werden kann, wie die Menschen ihr „inneres (spirituelles) Leben“ gestalten.

In der Diskussion wurde zusammenfassend dargestellt, dass der Glaube an die Wahrheit von Aussagen in der christlichen Tradition vor allem hinsichtlich der Dogmen eine besondere Rolle spielt. Jedoch besitzt die Wahrheit hier immer ethische und spirituelle Dimensionen. Die Anwendung theoretischer oder konzeptueller Werkzeuge bei der Behandlung von theologischen Doktrinen wäre Thema für ein eigenes Kapitel.

iii. Prof. Dr. Nader el-Beziri, Amerikanische Universität Beirut: Das Konzept von Wahrheit im Islam

Der meist genutzte Begriff für „Wahrheit“ in islamischen Schriftquellen, ist, wenn es sich dabei um al-ḥaqq im Gegensatz zu an-nifāq oder al-bāṭil handelt, eng an das Konzept von waḥy (Offenbarung) geknüpft und damit an eine göttliche Idee. Die Wahrheit ist somit im Wesentlichen jene, die von Gott offenbart wurde. Diese offenbarte Wahrheit hat den Zweck, die Gläubigen vor Zweifel, Unsicherheit und Irrtum zu schützen, was der Grund für Drohungen und Verurteilungen gegen jene in der Schrift darstellt, die die Wahrheit verdecken (kafara) oder leugnen.

Al-ḥaqq ist also ein Attribut oder Name Gottes. Die mystische Tradition innerhalb des Islams setzt ihren Fokus auf die Offenbarung der göttlichen Wahrheit weniger durch Schrift, als durch direkte mystische Erfahrung. Eine andere Strömung innerhalb des Islams, bei welcher Wahrheit ein wichtiges Konzept darstellt, ist die philosophische Tradition, veranschaulicht beispielsweise an ibn Sīna, nach dem die Philosophie eine Beschäftigung mit der Wahrheit (insbesondere bei den Begriffen Notwendigkeit, Zufälligkeit und Unmöglichkeit) darstellt.

Genereller betrachtet werden Wahrheit und Falschheit als das betrachtet, was respektive zu richtigen und verbotenen Taten führt. Heutzutage wird der öffentliche Diskurs mehr durch Populismus und Machtdynamiken bestimmt als durch eine objektive Suche nach Wahrheit, was Fragen über die Rolle des Konzepts der Wahrheit in der Zukunft aufwirft.

In der Diskussion wurde das Argument aufgeworfen, dass die relative Stagnation der zeitgenössischen islamischen Philosophie teilweise durch einen Glauben an die wortwörtliche Wahrheit des Koran verursacht oder zumindest verstärkt wird. Die Interpretation des Koran in einigen Denkschulen basiert nach wie vor auf ptolemäischer Kosmologie, welche ineffektiv ist. Es wurde zudem darüber spekuliert, in wieweit die Adaption moderner Hermeneutik der islamischen Gelehrsamkeit in dieser Hinsicht helfen könnte.

iv. Abschlussdiskussion 29.09.2017

Das jüdische Beharren auf die Anerkennung von nur einem Gott ist historisch gesehen mehr Idolatrismus als Monotheismus im strengeren Sinne, das heißt, es wurde akzeptiert, dass andere Völker andere Götter hatten aber Juden in erster Linie verboten wurde, diese zu verehren. Trotz der biblischen Identifizierung von Gott mit Wahrheit und des Umstandes, dass Juden andere Götter nicht als anbetungswert ansahen, könnten andere Götter existieren und müssten keine falschen Gottheiten sein.

Aufgrund der begrenzten Zeit, wurden bei der Zusammenfassung des vergangenen Tages die Themen interner Meinungspluralismus und das Konzept von „Wahrheit“ im Judentum und die Rolle interreligiöser Debatten in der historischen Entwicklung des Konzeptes ausgeklammert. Während es in der jüdischen Tradition akzeptiert ist, dass „es keinen Propheten geben könne, wie Moses“, so ist dies manchmal nur im Kontext zu Propheten des Volkes Israel zu verstehen, das heißt, andere Völker könnten einen Propheten mit gleichem Status durchaus haben. Dies ebnet den Weg für einen Dialog mit anderen monotheistischen Religionen, insbesondere dann, wen man annimmt, dass Christentum und Islam dem Rest der Welt den Glauben der Juden bekanntgemacht haben, was als gewisse Art von religionsimmanente Wertschätzung für diese zwei anderen Religionen verstanden werden kann.

Nach der islamischen Heiligen Schrift gibt es nur eine Quelle der Offenbarung aller heiligen Bücher, obwohl die Offenbarungen teils als aufsteigende „Offenbarungsreihe“ mit ihrem Ende im Koran konzeptualisiert werden. Dies würde aus dem Koran eine Art Richtwert als Referenzrahmen für den Wahrheitsgehalt in anderen offenbarten Texten. Im Islam wird die sprachliche Schönheit des Korans als ein äußerer Beweis für dessen Wahrheit als Schrift gesehen, was eine Neuigkeit in der Geschichte der Religionen darstellt, da frühere Traditionen stattdessen Wunder oder Zeichen als Authentifizierung akzeptierten.

In der christlichen Tradition ist die Frage der Normativität zentral für das Verständnis von Wahrheit: Quellen müssen die Standards der Normativität erfüllen, um als Zeuge oder wichtig gelten zu können. Dialogische Momente in der konzeptuellen Entwicklung, so zum Beispiel christliche Theologie auf Arabisch (Sprache des Islams), führten zu Innovationen in der Kirche des Nahen Ostens. Das Konzept der Wahrheit im Christentum hat eine starke Verbindung zum Konzept der Trinität, da Jesus Christus als Personifizierung von Wahrheit gilt und der Heilige Geist mitunter als „Geist der Wahrheit“ verstanden wird.

 

3.      Podiumsdiskussion 28.09.2017: Der Glaube als Wahrheit – Sprengstoff für die Gesellschaft?

Prof. Dr. Tarek Badawia (FAU Erlangen-Nürnberg), Prof. em. Dr. Jens Kulenkampff (FAU Erlangen-Nürnberg), Sen.-Prof. Dr. Stefan Schreiner (FAU Erlangen-Nürnberg), Dr. Katja Thörner (FAU Erlangen-Nürnberg); Leitung: Prof. Dr. Georges Tamer (FAU Erlangen-Nürnberg)

Die zentrale Frage der Posiumsdiskussion war, ob der Glaube, verstanden als exklusive Wahrheit, desktruktive Auswirkungen auf das friedliche Zusammenleben in einer Gesellschaft haben kann.

Von einer jüdischen Perspektive aus betrachtet ist Glaube eine menschliche Antwort auf eine transzendentale Erfahrung. Standpunkte zu Gott sind nur wahr, so lange sie nicht vom sprechenden Subjekt getrennt werden. Dies können nur Standpunkte über „meinen“, „deinen“ oder „unseren“ Gott sein. Der Glaube im Judentum hat keinen exklusiven Anspruch auf absolute Wahrheit, der anderen Gruppen vorgeschrieben werden könnte. Jemandem die eigene Religion aufoktruieren wäre nichts anders als Hybris.

Die christliche Antwort auf die anfangs gestellte Frage hängt von dem Konzept des Glaubens, dem Konzept der Wahrheit und der jeweiligen Gesellschaft ab. So kann zwischen fides qua (der Glaubensakt) und fides quae (das woran geglaubt wird) unterschieden werden. Keiner dieser Begriffe kann für sich alleine stehen. Die Wahrheit von Standpunkten hängt von ihrem Kontext ab und bei Standpunkten der 1. Person vom jeweiligen Sprecher. Da Standpunkte des Glaubens in diese Kategorie fallen, können diese nicht verabsolutierte, zeitlos glütige Wahrheiten darstellen. Obwohl diese nicht komplett subjektiv sind, erlauben sie eine vernünftige Diskussion. Während homogene Gesellschaften durch das Konzept eines gemeinsamen Glaubens als Wahrheit gestärkt werden können, benötigen pluralistische Gesellschaften einen diskursiven und nicht-absoluten Anspruch auf Wahrheit, welcher eine kritische Diskussion über die Inhalte von Wahrheit erlaubt, ohne das aktive Praktizieren dieser Wahrheit zu relativieren.

Aus Sicht von Abū l-Ḥasan al-ʿĀmirī, der eine islamische Perspektive auf religiöse Diversität im 11. Jahrhundert formulierte, gibt es zwei esenzielle und generell valide Wahrheiten: Dass es einen Schöpfergott gibt und dass das menschliche Leben zwischen Geburt und Tod begrenzt ist. Religiösität wird so zu einer anthropoligischen Konstante. Sobald ein Mensch für sich in Anspruch nimmt, die Wahrheit zu besitzen, begeht er Hybris. Der Koran vermittelt nicht den Besitz einer theoretischen Wahrheit aber markiert ethische Vorschriften, auf die ein Vertrauen in die Wahrheit aufgebaut werden kann. Wahrheit wird in menschlichem Handeln ausgedrückt. Religiöse Pluralität bedeute laut dem Koran, dass die eine Gruppe eine Prüfung für die andere darstellt.

Von einer philosophischen Perspektive sind religiöse Überzeugungen zunächst nicht fundamental anders als jegliche andere, alltägliche Urteile, das heißt etwas für wahr zu befinden. Es scheint aber einen Unterschied zwischen “glauben, dass…” und “glauben an” zu geben. Daher muss man zwischen einer Außenperspektive theoretischer Überlegungen und der Innenperspektive des Gläubigen differenzieren, welche normalerweise die Konzeption des Glaubens als Vertrauen beinhaltet. Von der Außenperspektive kann ein jeweiliges Merkmal eines religiösen Glaubens, das einen Gegensatz zu einem anderen Glaubensinhalt darstellt, als transzendentale Wahrheit nicht empirisch verifiziert werden. Von der Perspektive des Gläubigen sind solche transzendentale Wahrheiten selbstverständliche Realitäten, solange der Glaube in einem sozialen Kontext weitergegeben und bekräftigt wird. So wird Glaube zu einem Merkmal von Gruppenidentität. Dies an sich muss noch keine destruktive Kraft sein, doch es bringt potenzielle Konlikte mit sich und kann instrumentalisiert werden, was jedoch ebenso für andere Arten von Gruppenidentität gilt (z.B. ethnische oder kulturelle Gruppen).

Jemand, der in seinen/ihren Überzeugungen wahrlich sicher ist, der/die fühlt sich durch andere Glaubensüberzeugungen nicht bedroht, sodass man missionarischen Eifer auch als eine Glaubensschwäche und weniger als –stärke interpretieren kann. Wohl kann dagegen argumentiert werden, dass jemand, der wahrlich sicher in seinem Glauben ist, das Verlangen verspürt, dies auch mit anderen zu teilen, trotzdem wurde in der Geschichte die öffentliche Glaubensausübung nicht mit „Mission“ gleichgesetzt. In jedem Fall führt eine öffentliche Praxis unterschiedlicher Glaubensbekenntnise zu einer Situation der Rivalität. Friedliche Koexistenz ist eine kulturelle Errungenschaft und muss mithilfe von Bildung vermittelt werden.

Dies muss einen korrekten Umgang mit solchen Textstellen beinhalten, welche mit Gewalt zu tun haben. Anstatt religiöse Texte rein wortwörtlich zu nehmen, sollte man sie ernst nehmen. Um mit den Grundlagen von Religion umgehen zu können, muss ein gewisser Umfang an Wissen darüber erworben werden. Die Grundlagen können leicht missverstanden werden, was gut mit einer Person verglichen werden kann, die sich Medikamente aus einer Apotheke besorgt, ohne das für den Gebrauch notwendige Wissen zu haben.

Während viele der destruktivsten Ideologien des 20. Jahrhunderts mit einem Verfall an Religiosität einhergingen, ist es nicht zwangsläufig ein direkter Zusammenhang, denn Religionen sind kein Allheilmittel gegen den möglichen Missbrauch von Gruppenidentitäten. Von einer Innenperspektive wiederum haben Religionen eine solche Funktion. (Zur Videoaufzeichnung der gesamten Podiumsdiskussion)

 

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