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Bericht zu „Body“ und „Soul“

KCID-Fachtagung „The Concept of Body (Körper) and the Concept Soul (Seele) in Judaism, Christianity and Islam”, 26. bis 28. Juni 2019, KU Eichstätt

1) Das Konzept „Körper“

1.1 Das Konzept Körper im Judentum (Prof. Dr. Giuseppe Veltri)

Der biblischen Schöpfungsbericht beschreibt einerseits, dass die Schöpfung des Menschen „nach dem Abbild“ (bə-ּּṣelem) Gottes stattfand und der Mensch „männlich und weiblich“ geschaffen wurde. Rabbinische Texte interpretieren dies als eine Schöpfung eines Einheitswesens „kein Mann ohne Frau, keine Frau ohne Mann, keiner von diesen ohne göttliche Präsenz“ (Bereschit Rabba 8:9) (siehe auch die platonische Idee, dass der erste Mensch androgyn war).

Der kanonische Status vom Hohelied Salomos, dessen Darstellung des perfekten Körpers eine Anthropologie mit Fokus auf Sexualität bietet, wurde in der rabbinischen Literatur debattiert. Die sehr divergierenden Meinungen reichten von dessen Beurteilung als „unreines Buch“ bis hin zur Ansicht, dass es teilweise heilig sei. Letzteres offenbart die besondere Bedeutung des Körpers für einige Ansichten innerhalb der jüdischen Anthropologie, welche zwischen Körper und Selle keinen tatsächlichen Unterschied ausmacht. Die Seele ist die Energie des Körpers, keine von ihm separate Entität. Das Gebot im öffentlichen Bad zu baden zeigt einen hohen Wert des Körpers dahingehend, dass die Körperpflege eine Mitzwa (miṣwāh) darstellt, weil dieser nach dem Abbild Gottes geschaffen worden sei. Die Vorstellung dieses „Abbildes“ wird dabei nicht wortwörtlich verstanden, da Gott keinen Körper hat. Diese Bezeichnung ist der Tatsache geschuldet, dass das Verständnis davon nicht über menschliche Sprache hinausgehen kann. Allerdings finden sich in der jüdischen Tradition ebenfalls negative Sichtweisen auf den Körper, höchstwahrscheinlich aufgrund des Einflusses neoplatonischer Philosophie.

Für mittelalterliche jüdische Philosophen hat die Schwäche des Körpers ihren Platz in einer gerechten Schöpfung: Saadia Gaon beispielsweise dachte, dass Krankheiten den Zweck erfüllten, die Betroffenen von Sünden abzuhalten. Lebi ben Gershon schrieb über die Fähigkeiten und „Instrumente“ (z.B. ein scharfes Gehör, Fliegen, Klauen oder Fell), über die Tiere verfügen, jedoch Menschen nicht und vertrat die Ansicht, dass beim Menschen all diese Fähigkeiten durch intellektuelles Können ersetzt worden sei.

 

1.2 Das Konzept Körper im Christentum (Prof. Dr. Gregor Etzelmüller)

Als Medium göttlicher Offenbarung nimmt der Körper in der christlichen Theologie einen zentralen Platz ein. Der Umstand, dass sowohl Hebräische als auch Griechische Bibel dieselben Begriffe für menschliches und tierisches Fleisch verwenden zeigt, dass Menschen und Tiere dieselbe lebendige Materialität besitzen. Lebewesen werden als eine sich selbst bewegende Einheit von Körper und Psyche verstanden. In den Ritualen der Taufe und Eucharistie ist der Körper sehr eng in das spirituelle Leben der Gemeinde eingebunden. Generell konzentriert sich die Liturgie auf körperliche Handlungen, die den Körper eng in Rituale einbeziehen. Die biblische Wertschätzung des Körpers kollidierte mit dem Ideal der Herrschaft der Vernunft über den Körper, was seit der Spätantike in philosophischen Traditionen präsent war. Doch sogar im Neuen Testament selbst gibt es, insbesondere in den Briefen des Apostels Paulus, eine Spannung zwischen der Wertschätzung des Körpers als Ort des spirituellen Lebens und der asketischen Idee des für Versuchungen anfälligen Fleisches. Dort finden wir ein Unbehagen mit Sexualität, das eventuell mit den Machtdiskursen bezüglich menschlicher Sexualität zusammenhängt, welche in der Spätantike auftraten. Dieses Unbehagen wächst nur in der frühchristlichen Tradition, bei der die Zurückweisung von Sexualität als Widerstand gegen natürlichen und gesellschaftlichen Druck zugunsten von Spiritualität fungieren konnte. Bei einigen Kirchenvätern entwickelte sich eine Feindseligkeit gegen den Körper als „Gefängnis“ oder Gefahr für die Seele (z.B. Origenes und Augistinus). Sogar vom Dualismus überzeugte Autoren bestanden auf die körperliche Wiederauferstehung, was dem Körper zumindest ein gewisses positives Potenzial zuspricht. Ein vergleichbares Spannungsverhältnis zwischen positiver und negativer Sicht auf den Körper kann für die mystische Tradition konstatiert werden, welche im Großen und Ganzen die Notwendigkeit asketischer Kontrolle des Körpers unterstreicht. Jedoch existiert ebenso eine Tradition sinnlicher Mystik.

Die viel spätere Theologie des 19. Jahrhunderts hatte noch immer eine dualistische Sicht auf den Menschen, einen Schwerpunkt auf die Seele über dem Körper legend. Erst in jüngerer Zeit wird die holistische Betrachtung der verkörperten Würde wiederentdeckt, was mögliche Gebiete des Dialogs mit dem Judentum eröffnet, indem die radikale Endlichkeit des menschlichen Lebens als körperliches Leben anerkannt wird. Ebenso gibt es Unterschiede zwischen den Sichtweisen verschiedener christlicher Strömungen auf die Rolle des Körpers: Für moderne Protestanten ist es nicht von theologischer Relevanz, was mit dem (toten) Körper geschieht, während der tote Körper im orthodoxen Christentum den Wert einer Ikone Gottes behält. Aus diesem Grund ist die Einäscherung im orthodoxen Christentum genauso verboten wie in Judentum und Islam. Nach Dietrich Bonhoeffer kann die Inkarnation Gottes, trotz des tief im Christentum verwurzelten Misstrauens gegenüber dem Körper, als eine göttliche Wertschätzung von Körperlichkeit gesehen werden.

1.3 Das Konzept Körper im Islam (PD Dr. Abbas Poya)

Es gibt in der islamischen Tradition zwei fundamental verschiedene Haltungen dem Körper gegenüber. Während der Koran eine Sicht von den Menschen als körperliche Wesen widergibt, die einen Fokus auf unmittelbare Erfahrung körperlicher Realität legt, sogar in Beschreibungen des Lebens nach dem Tod, hat spätere Theologie und Philosophie einen viel stärkeren Schwerpunkt auf die spirituelle Seite der Menschen gelegt. Arabische Begriffe im Koran, die sich auf den Körper beziehen, sind badan (menschlicher Körper, speziell der Torso), ǧism (allgemein der Körper, Zustand, Masse, menschlicher Körper) und ǧasad (menschlicher und nicht-menschlicher Körper). Von diesen dreien spiegelt badan die Bedeutung des „lebendigen, menschlichen Körpers“ am ehesten wieder. Dessen Gegenstücke sind rūḥ (Geist, siehe hebr. rūaḥ) und nafs (Seele, nafas „Atem“, hebr. nép̄eš). Es gibt einen ḥadīṯ, der davon berichtet, dass die Erde, aus der Adam geschaffen wurde, aus allen Teilen der Erde stammte. So wird der Mensch zum Mikrokosmus.

Der Körper nimmt im islamischen Recht einen zentralen Platz ein. Viele der primären Pflichten der Gläubigen beinhalten körperliche Anstrengung, eine hohe Priorität kommt der körperlichen Unversehrtheit zu. Ähnlich wie im Judentum ist dies mit der Tatsache verbunden, dass der menschliche Körper primär als eine Schöpfung Gottes gesehen wird, was ethische Implikationen dahingehend mit sich führt, dass der geschaffene Körper selbst Gott gehört. Diese Ansicht führte beispielsweise zum Verbot des Suizids. Trotzdem können Exekution und Köperstrafen ins islamische Recht als „gottgegeben“ inkludiert werden und Gott, anders als Menschen, hat die Macht über den Körper. Organspende wird unter modernen Gelehrten weitgehend akzeptiert, da es andere geschaffene Körper rettet.

Die frühislamische Theologie sah Gott ebenfalls, wenn auch nicht im irdisch-körperlichen Sinne, als „physisch“ an (ǧism lā ka-l-aǧsām). Ein Körper-Seele-Dualismus entwickelte sich erst später. Möglicherweise aufgrund griechischen Einflusses waren muslimische Philosophen mit dem Immateriellen im Menschen beschäftigt, obwohl auch viele Philosophen selbst Physiker waren und daher ebenfalls den menschlichen Körper studieren mussten. Das nafs ist nicht physisch, gibt dem menschlichen Körper aber Leben, überlebt den Tod des Körpers und ist letztendlich das, was uns zu Menschen macht.

 

2) Das Konzept Seele

2.1 Das Konzept Seele im Judentum (Prof. Dr. Alan Avery-Peck)

Die Idee der „Seele“ ist eine kognitive Konzeptualisierung des Selbst. Deshalb reflektieren diverse Konzepte der Seele die Erfahrungen von Menschen in unterschiedlichen Kontexten. Die Differenzierung zwischen Körper und Geist resultiert von einer tagtäglichen Erfahrung, bei der es sich häufig anfühlt, als sei unser Geist vom Körper getrennt. Die im Hebräischen verwendeten Begriffe für Seele (rūaḥ, nép̄eš, nəšāmā) bedeuten „Geist“ oder „Lebenskraft“, meist im konkreten Sinne von Atem oder Blut. Die Idee des Sitzes der Seele / Lebenskraft im Blut ist ein Grund für die Reinheitsgebote hinsichtlich Blut und der Schlachtung von Tieren. Mit heutigen Bluttransfusionen in der modernen Medizin gibt es allerdings kein Problem, da der positive Wert der Heilung diese Gesetze überwiegt. Nép̄eš bedeutet manchmal auch „Selbst“ oder „Person“.

Die Lebenskraft göttlichen Ursprungs spendet einem irdischen Körper leben. In den frühen Texten findet sich keine Prä- oder Postexistenz ohne den Körper. Die Idee eines Lebens nach dem Tod entwickelte sich später in der rabbinischen Literatur. Nach den desaströsen Ereignissen des ersten und zweiten Jahrhunderts änderte sich die jüdische Auffassung vom menschlichen Leben radikal, was dazu beitrug, das biblische Heilsversprechen zu verstehen, das offensichtlich nicht sofort erfüllt wurde. Gemäß rabbinischer Schriften wurden alle Seelen in der anfänglichen Schöpfung geschaffen, werden in einen Körper implantiert und dann mit diesem am Tag des Jüngsten Gerichts wieder vereint. Die Taten einer verkörperten Seele werden von beiden, von Körper und Seele, zusammen begangen. Keiner von beiden kann für sich allein sündigen, aber keiner ist an sich gut. Anders als im Christentum gibt es im Judentum jedoch keine starke und weit verbreitete Vorstellung einer Erbsünde.

 

2.2 Das Konzept Seele im Christentum (Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff)

Anders als die griechische (und später griechisch beeinflusste christliche) philosophische Tradition, vermutet die biblische Anthropologie eine Einheit von Körper und Seele. Ausdrücke wie „Seele“, „Herz“ oder andere beziehen sich stets auf das Ganze einer Person. Im Neuen Testament, insbesondere in den Briefen des Paulus, gibt es zwei Hauptbegriffe für „Körper“: sarx, „Fleisch“, Körperlichkeit im Sinne einer sündigen Distanzierung von Gott und sōma, was sich auf die Schöpfungsform der menschlichen Handlungsfähigkeit bezieht und positivere / neutralere Konnotationen aufweist.

Aristotelischer Hylemorphismus, der von christlichen Philosophen seit langer Zeit adaptiert wurde, erlaubte eine Unterscheidung zwischen Körper und Seele ohne dabei die Einheit des ganzen Menschen aufzugeben. Weder Körper noch Seele sind jeweils für sich ein lebender Mensch. Vielmehr ist eine Person ein konkretes menschliches Wesen, solange die Einheit von Körper und Seele besteht. Ein Mensch ist jedoch nicht einfach ein zusammengesetztes Wesen, da Körper nicht vor der Vereinigung mit der Seele existieren. Was dies für das Leben nach dem Tod bedeutet unterscheidet sich in den unterschiedlichen christlichen Strömungen. Die Katholische Kirche hat das Dogma der Unsterblichkeit der Seele auf dem 5. Laterankonzil festgeschrieben, während dies viele protestantische Kirchen ablehnen und stattdessen lehren, dass Menschen vollständig sterben und später wieder zum Leben erweckt werden.

 

2.3 Das Konzept Seele im Islam (Prof. Dr. Dr. Bernhard Uhde)

Wenn wir über die Seele sprechen, dann sprechen wir auch auf eine gewisse Art und Weise über uns selbst. Das macht gerade dieses Konzept wichtig aber gleichzeitig ist es daher auch schwierig, darüber zu sprechen. In der griechischen Philosophie wird die Seele als ein Prinzip der Selbstbewegung verstanden. Der Koran erwähnt verschiedene innere Teile der geschaffenen Seele: rūḥ, nafs, qalb und ʿaql. All diese sind unsichtbare „Essenzen“ des Menschen von alle, außer möglicherweise qalb (Herz), werden als unsterblich angesehen. Im engeren Sinne wird rūḥ als zu Gott zugehörig erachtet, da es dem göttlichen Wesen ähnlich ist. So wie die Wesenheit Gottes geht daher die exakte Definition über das menschliche Denkvermögen hinaus. Die koranische Position, dass die Menschen aus einer Seele geschaffen wurden, kann dahingehend verstanden werden, dass alle einzelnen Seele Teil einer einzigen Essenz sind.

Vier Hauptaspekte der Seele werden im Koran genannt: Die Seele, die das Böse befiehlt, die Seele, die sich selbst beschuldigt, die Seele, die zur Veränderung inspiriert ist, und die friedliche Seele (an-nafs al-muṭmaʾinna). Diese vier Stufen spiegeln den Pfad der Seele in Richtung Erlösung wieder. Letztere bedeutet zudem die reine Einheit oder Leere in der Seele, was in der Sufitradition als die höchste Form des tawḥīd betrachtet wird. Während der Tod die Bewegung der Seele in den Himmel oder die Hölle darstellt, bedeutet die Bewegungslosigkeit der an-nafs al-muṭmaʾinna deren bewegungslose Präsenz im Himmel.

 

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