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„Der Mensch ist Feind dessen, was er nicht kennt“ – „Wahr ist, was uns verbindet“

 

„Wahr ist, was uns verbindet“. Unter diesem Titel sprachen Aleida und Jan Assmann anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2018. Die Rede wurde zum Gesprächsthema in unserer Forschungsstelle Forschungsstelle Key Concepts in Interreligious Discourses – KCID an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Katholischen Universität Erlangen-Nürnberg, sprach sie doch uns allen in vielen Punkten aus der Seele. Und so zielt auch unser Leitspruch „Der Mensch ist Feind dessen, was er nicht kennt“ in eine ähnliche Richtung wie der Titel der Friedenspreisrede. Unsere Wünsche und Ziele sollen daher in Bezug auf die Rede Aleida und Jan Assmann dargestellt werden, die mit ihrer bahnbrechenden Forschung zum kulturellen Gedächtnis alter Völker, die vor Tausenden von Jahren blühten, wie unsere Forschungsstelle eine „Archäologie des Wissens“ betreiben, die für unsere Menschheit von entscheidender Bedeutung ist und sein wird. 

 

Demokratie und Dialog

Gehalten wurde die Rede in der Frankfurter Paulskirche, einem denkwürdigen historischen Ort, der einst nach der Revolution von 1848 als Sitz des ersten Parlaments auf deutschem Boden diente und heute ein „Ort des Dialogs und (des) Austauschs geworden“ (Assmann) ist. Ein Ort des Dialogs möchte auch die Forschungsstelle Key Concepts in Interreligious Discourses – KCID sein, insbesondere ein Ort des akademischen Dialogs zwischen jüdischen, muslimischen und christlichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, deren Arbeit in den Dienst der Gesellschaft gestellt werden und allgemein Verbreitung finden soll. Wichtige Schlüsselkonzepte aus Judentum, Christentum und Islam sollen jeweils aus der eigenen Tradition, jedoch stets in Bezug auf die anderen Traditionen erklärt werden. Die Schlüsselkonzepte anderer Religionen kennenzulernen, soll dazu führen, dass auch unterschiedliche „Wahrheiten“ verstanden werden und Unterschiede, aber insbesondere auch Gemeinsamkeiten der Religionen zutage treten können, die sich allesamt auf Abraham als ihren Stammvater berufen.

 

Wider jeden Wahrheitsfanatismus

Für das Forscherehepaar Assmann öffnen Bücher „die Denkräume des Geistes“. Sie seien ein „Archiv der Informationen“. Während das Lesen häufig zerstreue und individualisiere, sei es wichtig, die Welt der res publica litteraria mit öffentlichen Orten des Dialogs und des Austauschs zu verbinden. Das Ehepaar berief sich dabei auf den Philosophen Karl Jaspers, der in der Unwahrheit „das eigentlich Böse, jeden Frieden Vernichtende“ gesehen hat, das sich in unterschiedlicher Form äußert, beispielsweise in „der Verschleierung bis zu blinden Lässigkeit, von der Lüge bis zur inneren Verlogenheit, von der Gedankenlosigkeit bis zum doktrinären Wahrheitsfanatismus, von der Unwahrhaftigkeit des einzelnen bis zur Unwahrhaftigkeit des öffentlichen Zustandes“. Diese Position scheinen die Assmanns für sich persönlich verinnerlicht zu haben. Ein wahrhaftiger und aufrechter Dialog ohne eben jenen „doktrinären Wahrheitsfanatismus“ – besser hätte man den Wunsch auch unseres Projektes nicht beschreiben können. Ehrlicher Dialog geht unserer Ansicht nach über die bloße Toleranz des „Anderen“ hinaus. Wahrhaftiger Dialog ist ehrlich, ungeschminkt und stellt die eigene „Wahrheit“ zurück, ohne den Anspruch an diese aufzugeben, jedoch genug Raum für die Formulierung anderer Überzeugungen und „Wahrheiten“ lassend. Erkennt man eigene Traditionen und sich selbst nicht besser, wenn man andere besser kennenlernt, also in „Denkräume des Geistes“ auf der anderen Seite vordringt? Für uns bedeutet das konkret, dass sich Juden, Muslime und Christen mit Konzepten aus den jeweils anderen Traditionen auseinandersetzen, die heiligen Bücher des Tanach, der Bibel und des Koran mit Interesse betrachten.

 

Wissenschaft raus aus dem Elfenbeinturm!

Völlig richtig erkennen Aleida und Jan Assmann auch die dringende Notwendigkeit, die digitale Öffentlichkeit als Teil der heutigen Öffentlichkeit zu nennen. Ein Risiko dieses digitalen Zeitalters sei die Vereinfachung von Manipulation. „Fake News“ ist ein geflügelter Begriff geworden, der aus der Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken sei. Komplizierte Themen müssen für die Allgemeinheit verständlicher gemacht werden, gerade wenn es um Judentum, Christentum und Islam geht. Antisemitismus oder Islamfeindlichkeit, Intoleranz gegenüber religiösen Menschen, Rassismus oder anderen auf dem Vormarsch befindlichen Phänomenen ist nicht einfach zu begegnen.

Bei KCID sprechen wir schon lange von der Notwendigkeit unsere Forschungsergebnisse, von einem „wissenschaftlichen Elfenbeinturm“ heraus in die Öffentlichkeit und speziell in die sozialen Netzwerke zu tragen. Während extremistische Ideologen dies schon seit langem praktizieren, fehlt häufig ein fundiertes, demokratisches und an Ausgleich und Dialog ausgerichtetes Gegenangebot. Was nützt eine „Archäologie des Wissens“, wenn sie elitär bleibt? Nein, solches Wissen muss in alle Milieus getragen werden, denn, um auch hier wieder aus der Rede zu zitieren, „in der Demokratie kann man das Denken nicht delegieren und den Experten, Performern oder Demagogen überlassen“.

 

Vom Dialog zur inklusiven Solidarität

Die Menschheit gebe es „im Singular, aber Kulturen, Sprachen, Religionen nur im Plural“. Für das Ehepaar Assmann besteht eine absolute Notwendigkeit der „Anerkennung von Grenzen und Unterschieden im Bereich der Humanitas“. Diese Anerkennung von Unterschieden, Solidarität und Integration würden einander bedingen Heutzutage stehen wir einer populistischen Welle gegenüber, die eine Art der „Solidarität“ predigt, die Aleida und Jan Assmann berechtigterweise als „Kollektivegoismus“ bezeichnen. Solche Formen finden wir beispielsweise bei der rechtsextremen „Identitären Bewegung“, die eine Art „Kultur-Apartheid“ predigt, das Ganze als „Ethnopluralismus“ verkauft und das Modell „Festung Europa“ als Alternative formuliert. Eine Form der „Solidarität“, die, so das Ehepaar Assmann, exklusiv sei und auf Ausgrenzung abziele. Integration könne so nicht gelingen und erfordere „eine inklusive Solidarität auch mit Menschen, die anders sind als wir selbst, mit denen wir aber eine gemeinsame Zukunft aufbauen wollen“. Eine Säule dieser Integration, der inklusiven Solidarität ist für uns der interreligiöse Dialog. Legen wir für ihn ein wissenschaftliches Fundament, auf der sich ein gesamtgesellschaftlicher Dialog stabil entfalten kann.

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